Frauen in Führungspositionen – reaktionäres Deutschland?

 

Am 18. November 2013 einigten sich CDU und SPD in ihren Koalitionsgesprächen auf die Einführung einer Frauenquote von 30% für die Aufsichtsräte großer, börsennotierter Konzerne. Noch gibt es dazu keinen konkreten Gesetzesentwurf und der für 2016 angestrebte Richtwert ist, verglichen mit den Regelungen anderer Länder, wohl eher als Minimalziel zu verstehen. Trotzdem wirft die deutsche Wirtschaft den beiden zukünftigen Koalitionspartnern schon jetzt Wirtschaftsfeindlichkeit und massive Eingriffe in die unternehmerische Freiheit vor.

 

 

Zur Erinnerung: Genau sieben Monate zuvor, am 18. April 2013, lehnte der Deutsche Bundestag einen von SPD und Grünen getragenen Gesetzesvorschlag, der die verbindliche Einführung der 30%-Marke ab dem Jahr 2018 vorsah, nach heftigen Diskussionen ab. Selbst innerhalb der CDU hatte es große Differenzen gegeben; Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und ihre Mitstreiter akzeptierten das offizielle Votum ihrer Fraktion letztendlich nur im Gegenzug für das damalige Versprechen der Kanzlerin, die gesetzliche Frauenquote im neuen Parteiprogramm festzuschreiben.

 

Im EU-Parlament hingegen wird derzeit bereits über eine Quote von 40% Frauen in Führungsjobs diskutiert. Die Europäische Union beruft sich bei ihrem Vorstoß ganz einfach auf die aktuellen Statistiken: in den europäischen Ländern, in denen es bereits eine derartige Quote gibt, sind weibliche Führungskräfte prozentual sehr viel stärker vertreten. Spitzenreiter sind, wie so oft, die skandinavischen Nationen mit Schweden (25%), Litauen (26%) und Finnland (27%).

 

Auffällig ist jedoch auch der Unterschied zwischen Deutschland (mit lediglich 16%* Frauen in Führungspositionen) und Frankreich (22%*), wo es bereits seit 2011 eine gesetzliche Regelung zum Frauenanteil in unternehmerischen Verwaltungsräten gibt. Die Mitglieder der Aufsichtsräte börsennotierter, französischer Unternehmen sind laut einer Studie von Ernst & Young bereits heute zu 24% weiblich, wohingegen deutsche Frauen es nur auf 17% bringen. Bis 2017 will Frankreich den Frauenanteil in diesem Bereich sogar auf stolze 40% erhöhen. Dieses ehrgeizige Ziel wurde 2011 unter Führung mehrerer konservativer Politiker, u.a. Jean-François Copé und Marie-Jo Zimmermann, ohne großes Aufheben verabschiedet. Damals wie heute scheint die französische Bevölkerung der gesetzlich festgelegten Frauenquote weitaus offener gegenüberzustehen, als ihre deutschen Nachbarn. Warum eigentlich?

 

Zum einen ist der Lenkungsanspruch des französischen Staates sicherlich ausgeprägter, als er es in Deutschland war und ist. Politische Vorgaben und staatliche Eingriffe in die Privatwirtschaft werden in Frankreich daher eher akzeptiert als in der Bundesrepublik.

 

In der Sache jedoch gibt es noch einen zweiten, mindestens genauso bedeutenden Unterschied bezüglich der Rolle der Frau und des Familienbildes der Gesellschaft. Aufgrund zahlreicher Unterschiede in der französischen und deutschen Geschichte der Familie ist heute ein Großteil der Französinnen (>70%**) Vollzeit auf dem Arbeitsmarkt verfügbar, während 46%** aller in Deutschland beschäftigten Frauen in Teilzeit arbeiten. Französische Unternehmen und Institutionen können daher aus einem deutlich größeren Männer-äquivalenten Talentpool schöpfen. Zumindest in den mittleren Führungsriegen ist der Frauenanteil ungleich höher, woraus sie es dann hier und da auch ganz nach oben schaffen, wie zum Beispiel Anne Lauvergeon, die als zweifache Mutter lange an der Spitze des Energiekonzerns AREVA stand. Hinzu kommt, dass die französische Teilzeit nicht unbedingt der deutschen Definition entspricht. Wo in Deutschland Teilzeitverträge oftmals Halbtagesstellen meinen, kann in Frankreich die Berufstätigkeit auch lediglich um ein Fünftel reduziert werden – damit zum Beispiel der bisher schulfreie Mittwoch mit den Kindern verbracht werden kann. Diese geringere Kürzung der Arbeitszeit wirkt sich dabei ungleich weniger auf die Gesamtproduktivität und demzufolge auch die Karriereaussichten aus.

 

Generell ist es für französische Frauen oft leichter, Familie und Beruf zu vereinbaren und so auch in die Chefetagen aufzusteigen. Krippenplätze, Ganztagesbetreuung, längere Schulzeiten, kürzere Elternzeit und ausgiebigere Sozialleistungen gehören zu den Gründen, warum unsere Nachbarn nicht nur mehr Kinder haben, sondern uns auch in der Gleichstellung und Frauenförderung um einiges voraus sind. Es wäre jedoch zu simpel, hierfür lediglich mögliche Unterschiede in der jeweiligen Regierungsarbeit verantwortlich zu machen, da diese im Endeffekt nur die Präferenzen der Bevölkerung widerspiegelt. Wie sagte eine französische Freundin unlängst: „In Frankreich wird alles dafür getan, dass Mütter arbeiten gehen können – in Deutschland wird dafür gesorgt, dass sie nicht arbeiten müssen.“

 

Dass sich unser Festhalten am klassischen Familien- und Frauenbild negativ auf die demographische Entwicklung unseres Landes auswirkt, wissen wir längst. Genauso wie wir unseren französischen Nachbarn ökonomischen Starrsinn und mangelnde Reformwilligkeit vorwerfen, sollten wir uns beim Thema Familie und Gleichstellung an die eigene Nase fassen. Die desaströsen Folgen der fehlenden Modernisierung unserer Politik für die demographischen Verhältnisse in Deutschland, und damit in Zukunft auch die Gesamtwirtschaft, sind allseits bekannt – und doch will keiner ernsthaft etwas ändern. Schon jetzt liegt das Verhältnis der älteren, in der Regel ökonomisch inaktiven Personen (im Alter von über 65 Jahren) und der Personen im Arbeitsalter (von 15 bis 64 Jahren) bei über 31%** – Tendenz steigend, während diese Zahl in Frankreich mit ca. 26%** in den letzten zehn Jahren mehr oder weniger stabil blieb.
Die französische Familien- und Sozialpolitik ist nach wie vor ein Zukunftsmodell. Quoten für Aufsichtsräte und andere Vorstandsgremien sind dabei vielleicht einfach nur funktionierende Mittel zum Zweck und sollten als solche von fortschrittlichen Unternehmen begrüßt werden.
Quellen:

 

* Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 2012
** Eurostat, 30.10.2013

Katharina Maier - 26. November 2013