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Frankreich, die neue Bio-Nation ?

 

Traditionell ist Deutschland als Bio-Nation bekannt: Öko-Mode, Naturkosmetik und Bio-Lebensmittel sind mittlerweile nicht nur in Reformhäusern, sondern sogar in Discountern zu erhalten. Bereits seit den 1960er Jahren hat der Bio-Trend seinen Weg Schritt für Schritt aus einem Nischenmarkt in die Mitte der Gesellschaft gefunden, eine Entwicklung, die durch Lebensmittelskandale, wie BSE, aber auch durch die immer stärker mediatisierte Debatte über eine massive Anwendung von Pestiziden, nur verstärkt wurde.

 

Doch auch Frankreich erlebt seit einigen Jahren einen Trend zu mehr Bio-Konsum: so haben laut Agence Bio (Agentur für die Entwicklung und Förderung der biologischen Landwirtschaft in Frankreich) 89% der Franzosen im Jahr 2015 zumindest gelegentlich Bioprodukte konsumiert; 2003 waren es lediglich 54%.

 

Stimmt es also, dass „Frankreich Deutschland in Sachen Bio überholt“, wie es das französische Wirtschaftsblatt Les Echos (1)  verkündet hat? Welche Rolle spielt die biologische Lebensmittelwirtschaft tatsächlich in Frankreich und Deutschland?

 

 

Starkes Wachstum der Bio-Branche in Frankreich
Während der Bio-Umsatz in Deutschland im Jahr 2015 laut BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft) bei 8,62 Mrd. Euro lag, was einem Wachstum von rund 11% gegenüber 2014 entspricht, wurden auf der französischen Seite des Rheins 2015 rund 5,76 Milliarden Euro (2)  durch Bio-Waren erwirtschaftet. Obwohl der absolute pro-Kopf-Konsum von Bio-Lebensmitteln also noch schwächer in Frankreich war, fiel das Wachstum dort aber mit 14,7% deutlich stärker aus.

 

Während die Anzahl der Biohöfe diesseits und jenseits des Rhein relativ nah aneinander lag - 28.884 ökologische Betriebe in Frankreich gegen 24.343 (3)  in Deutschland -, konnte Frankreich auch in diesem Bereich mit starkem Wachstum punkten: die Anzahl französischer Biohöfe stieg innerhalb eines Jahres um rund 9% an, während sie in Deutschland nahezu stagnierte.

 

Insgesamt bewirtschafteten Deutschlands Biobauern 2015 eine Nutzfläche von 1,08 Millionen Hektar, eine Fläche die sich im Vergleich zu 2014 um 2,9% erweiterte. Frankreich aber verzeichnete 2015 regelrechte Rekordzahlen: immerhin 1,37 Millionen Hektar wurden 2015 von Bio-Betrieben bewirtschaftet, was einer Steigerung von rund 23% entspricht. Damit hat Frankreich seinen deutschen Nachbar klar in Sachen Bio-Nutzfläche abgehängt, und verfügt jetzt, nach Italien und Spanien, über die drittgrößte Öko-Anbaufläche in Europa.

 

 

Französische Konsumenten tendieren stärker zu heimischen Produkten
Anders als in Deutschland, wo die Importe von Bio-Produkten in den letzten Jahren stark stiegen, stammten 76% der 2015 in Frankreich konsumierten Bioprodukte aus heimischer Produktion, bei einigen Lebensmitteln (Eier, Geflügel, Wein) erreichte der Wert sogar 99%. Dies brachte wiederum mit sich, dass auch die Exporte aus Frankreich stark anstiegen: ökologische Lebensmittelexporte aus Frankreich verzeichneten 2015 ein Plus von 27%, besonders französischer Bio-Wein war im Ausland sehr beliebt.

 

Was aber ist der Grund dieser Stagnation des Bio-Anbaus in Deutschland, trotz steigender Nachfrage nach Biolebensmitteln? Schuld sei, so Jan Plagge, Vorstand im Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, eine Subventionspolitik, die zu massiven Wettbewerbsverzerrungen zulasten der Bio-Höfe führe (4)  : während Biolandwirte jährlich weniger als 200 Euro pro Hektar an Subvention erhielten, werde der Anbau von Mais zur Produktion von Biokraftstoffen mit rund 2000 Euro pro Hektar gefördert.

 

Eine Hürde, die es gilt, zu überwinden, möchte Deutschland auch künftig noch als „Bio-Nation“ - neben der „neuen Bio-Nation“ Frankreich - bekannt sein.

 

 

(1) « Cultures bio : la France double l'Allemagne », 19.02.2015, Les Echos

(2) Zahlen zum französischen Bio-Markt : Agence Bio

(3) Zahlen zum deutschen Markt : Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW)

(4) „Ökolandbau Boom vorbei an Bio-Bauern“, 15.01.2014, Berliner Zeitung

 

 

Lisa Bohler - 5. Juli 2016